8.11.2016

„Zukunft braucht Herkunft“ – Verfassungsgeschichte und Verfassungswandel

Di Fabio
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Der Saxophonist Andreas Spannagel stimmte die Gäste in der Hessischen Landesvertretung musikalisch auf den Festvortrag ein.
© Daniel Linder

„Zukunft braucht Herkunft“ – Verfassungsgeschichte und Verfassungswandel
Anlässlich des 70. Jubiläumsjahres der Hessischen Verfassung lud Staatsministerin Lucia Puttrich zu einer feierlichen Veranstaltung in die Hessische Landesvertretung Berlin ein.  Einen historischen Impuls erhielt der Abend vom lebendigen und informativen Festvortrag von Prof. Dr. Dr. Udo Di Fabio. Mit Blick zurück auf die Frühe Neuzeit, die Weimarer Republik und Entstehung des zentralen hessischen Rechtsdokuments skizzierte Di Fabio die Entwicklung der Verfassungsgeschichte. „Wenn wir heute Hessen und seine Verfassung ehren, dann würdigen wir damit das Engagement der Bürger in den Institutionen dieses Landes,“ erklärte der ehemalige Richter des Bundesverfassungsgerichtes und jetzige Professor an der Universität Bonn. Für ihn war Hessen in mehreren Punkten beispielgebend für das Grundgesetz, das erst 1949 in Kraft trat. Die Verfassungen in Deutschland, die 1946 nach dem Ende der Nazi-Herrschaft auf den Weg gebracht wurden, wollten vor allem verdeutlichen, dass der Mensch als Person und als Einzelwesen geachtet werden sollte. Niemand dürfe ihm mit Kollektivzielen das Existenzrecht absprechen, so Di Fabio.

Durch seine Bürger wird eine Verfassung erst lebendig
Die Hessische Verfassung sei die erste, die einen „posttotalitären“ Charakter aufweise. Das so genannte „Posttotalitäre“ sei der Bruch nach 1945 mit der Hegelschen Staatsphilosophie, in der der Staat die absolute Vernunft ist. Der Staat sei das Ergebnis des Bürgerwillens. Dahinter stecke die universelle Idee, dass der Mensch sich selbst verantworte, sich selbst bilde und sich selbst entwerfe. Der grundlegende Artikel 1 der Hessischen Verfassung mache dies deutlich: „Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich, ohne Unterschied des Geschlechts, der Rasse, der Herkunft, der religiösen und der politischen Überzeugung.“ Artikel 3 betone die Ehre und Würde des Menschen. Mit dieser Voranstellung der Menschenwürde beginne gleichzeitig eine singuläre Betrachtungsweise. Daraus schlussfolgerte er, dass es die eigene normative Freiheit, verbunden mit der individuellen Freiheit sei, die Demokratie ausmache. Doch bei aller Freiheit funktioniere ein Gemeinwesen nur, wenn die Freiheit in sittlicher Verantwortung wahrgenommen werde. Freiheit setze damit auch eine gewisse Reife zur Freiheit voraus. Die Idee der Gewaltenteilung des Rechtsstaates sei, dass jede Freiheitsentfaltung auch bereit sein muss, sich selbst zu disziplinieren. Denn lebendig werde eine Verfassung erst durch seine Bürger, die den ideengeschichtlichen Vorgaben entsprechend denken und handeln.

Hessisches Wappentier wirbt für das Jubiläumsjahr
Staatsministerin Puttrich dankte dem Festredner für seine einprägsamen Worte. Kein Zeitgeist, sondern ein großer Geist stecke in der Hessischen Verfassung, die es zu schätzen und zu achten gelte, verdeutlichte die Ministerin. Zur Erinnerung an den Abend erhielt Di Fabio die eigens für das 70. Jubiläum kreierte Löwen-Statue, die dem hessischen Wappentier nachempfunden wurde. In Lebensgröße macht dieser blaue Löwe mit bunter Mähne vor dem Haupteingang der Hessischen Landesvertretung Berlin auf das Jubiläumsjahr aufmerksam.

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