Startseite Berlin & Europa Hessen in Berlin Veranstaltungen in Berlin Archiv Rückblick 2016 "Wissensregion Rhein-Main": Der Historiker Johannes Fried referierte über den Weltuntergang, die Tücken unserer Erinnerung und das Moderne am Mittelalter
29.11.2016

"Wissensregion Rhein-Main": Der Historiker Johannes Fried referierte über den Weltuntergang, die Tücken unserer Erinnerung und das Moderne am Mittelalter

Prof. Fried
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Das Thema des Abends knüpfe nahtlos an die vergangene Veranstaltung zur Wissensregion Rhein-Main mit dem Titel „Am Puls des Universums“ an, sagte Dr. Bernadette Droste, Leiterin der Hessischen Landesvertretung Berlin, zur Begrüßung.
© Boris Trenkel

Wie hat man im Laufe der Geschichte über das Ende der Welt nachgedacht? Darüber diskutierte der Historiker Professor Johannes Fried mit dem Literaturkritiker Jochen Hieber in der Hessischen Landesvertretung Berlin. Das Thema des Abends, das abwechselnd mit dem Einspielen von Musik, Fotografien und Filmsequenzen umrahmt wurde, lautete „Über den Weltuntergang, die Tücken unserer Erinnerung und das Moderne am Mittelalter“. Es war die zweite Veranstaltung aus der Reihe „Wissensregion Rhein-Main“, zu der Staatsministerin Lucia Puttrich eingeladen hatte.

„Dies irae. Eine Geschichte des Weltuntergangs“
Professor Fried ist Emeritus für die Geschichte des Mittelalters an der Frankfurter Goethe-Universität und hat in diesem Jahr ein Buch mit dem Titel „Dies irae. Eine Geschichte des Weltuntergangs“ veröffentlicht. Es schildert und analysiert die enorme Karriere, welche die Vorstellung vom Ende allen Seins und aller Zeit seit zwei Jahrtausenden gemacht hat – von den Propheten der Bibel bis in die unmittelbare Gegenwart.

Die Gäste wurden von Dr. Bernadette Droste, Leiterin der Landesvertretung, begrüßt. Das Thema des Abends knüpfe nahtlos an die vergangene Veranstaltung zur Wissensregion Rhein-Main mit dem Titel „Am Puls des Universums“ an, so Dr. Droste. Dort wurde die Entstehung des Kosmos betrachtet, soweit dies mit naturwissenschaftlichen, astrophysikalischen Methoden erforschbar sei. Nunmehr befasse man sich vor allem mit der Frage, wie über das Ende der Welt gedacht werde. Denn diese Frage beschäftige seit jeher die Menschheit. Beispielsweise wurde anhand des sogenannten Maya-Kalenders immer wieder der Versuch unternommen, den Tag und die Stunde des Weltuntergangs zu berechnen. Auch die Religionen befassten sich mit dem Thema. So spreche die christliche Theologie von der Apokalypse oder von der geheimen Offenbarung des Apostel Johannes. Hiermit sei nicht einfach ein Weltuntergang gemeint, sondern in biblischer Weise das Jüngste Gericht, die Wiederkehr Christi als Beginn einer neuen Existenz. Auch heute sei der Weltuntergang präsent. Er liefere immer wieder den Stoff für die Drehbücher Hollywoods oder sei im allgemeinen Sprachgebrauch auffindbar, wenn etwa die Rede von „Weltuntergangsstimmung“ sei, erklärte Dr. Droste.

Mit einem Ausschnitt aus W. A. Mozarts Requiem, dem Dies irae, wurden die Zuhörer musikalisch auf den Abend eingestimmt. Johannes Fried erklärte, dass dieser Hymnus aus dem 13. Jahrhundert wohl zu den meist vertonten Texten der Weltliteratur gehöre. Es gäbe rund 2.000 Vertonungen. Weiterhin sei interessant, dass nur im Christentum die radikale Vorstellung vom Ende, von der Zerstörung, vom Untergang dieser Erde geherrscht habe. Diese Konzeption werde durch reale geschichtliche Geschehnisse befeuert und dramatisiert, wie die Zerstörung Jerusalems, das Erdbeben von Lissabon oder Unwetter.

Nicht selten sei die Vorstellung von der Apokalypse auch ein Thema in der Kunst. Dazu wurden Bilder von Luca Signorelli, ein Künstler der Renaissance, wie auch von Ludwig Meidner aus dem Jahr 1912 gezeigt. Ebenfalls vorgestellt, wurde eine Abbildung eines Hagelunwetters aus dem Augsburger Wunderzeichenbuch, das Mitte des 16. Jahrhunderts entstand. Das Buch mit etwa 160 Zeichnungen war in einer Bibliothek verschollen und tauchte zufällig erst vor wenigen Jahren wieder auf.

Die Geschichte des Weltuntergangs, die Frage nach der Zeit sei für Karl den Großen von immenser Bedeutung gewesen, erklärte Fried, der vor einigen Jahren eine Biographie des Frankenkönigs publizierte. Angetrieben von dieser Fragestellung, habe der Herrscher seine Gelehrten daran forschen lassen, was die Zeit sei und wann alles ende. Fried stellte fest, dass der fortschrittliche Karl seine Reformenergie aus Angst und auch aus Angst vor dem Untergang entwickelte. Daher habe er die Komputistik, die Zeit zu berechnen, gefördert.

In mehreren Büchern Frieds wird der Gedanke vom Verhältnis des Weltuntergangs bzw. der Weltuntergangsangst zum wissenschaftlichen Fortschritt herausgearbeitet und belegt. Die ganze Welt sollte entdeckt werden, bevor der jüngste Tag kommen dürfte und die Sorge vor dem Weltgericht sei eine Triebfeder für wissenschaftliche Errettung. So habe Christoph Kolumbus das katholische Königspaar mit dem Argument, der Weltuntergang komme und bis dahin müsse alles auf der Erde erforscht und entdeckt sein, dazu bewogen, seine Reise auszurüsten, so Fried abschließend.

Hintergrundinformationen:
Im Frühjahr dieses Jahres veröffentlichte der 1942 geborene Johannes Fried, Emeritus für die Geschichte des Mittelalters an der Frankfurter Goethe-Universität, ein umfangreiches Werk mit dem Titel „Dies irae. Eine Geschichte des Weltuntergangs“. Es schildert und analysiert die enorme Karriere, welche die Vorstellung vom Ende allen Seins und aller Zeit seit zwei Jahrtausenden gemacht hat – von den Propheten der Bibel bis in die unmittelbare Gegenwart. „Dies irae“ (lat. „Tag des Zornes“) ist deshalb auch eine Studie über menschliche Urangst.

Weitere Publikationen sind: „Das Mittelalter. Geschichte und Kultur“ (2008), die Streitschrift „Canossa“ (2012), in der er Heinrichs IV. Demütigung durch Papst Gregor VII. als „Legende“ zu entlarven sucht, und die Bestseller-Biographie „Karl der Große. Gewalt und Glaube“ (2013).

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