16. Februar 2017

Integration vor Ort - Ein praktischer Überblick

Flucht und Migration
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Unter dem Titel „Integration vor Ort – ein praktischer Überblick“ trafen sich fachkundige Akteure aus Hessen in der Landesvertretung in Berlin.
© Boris Trenkel

„Zukunft Deutschland – Flucht und Migration im Fokus“

Im Herbst 2015 erreichte die Flüchtlingsbewegung nach Deutschland ihren Höhepunkt. Wie ist es anderthalb Jahre später um die Integration der Menschen bestellt? Unter dem Titel „Integration vor Ort – ein praktischer Überblick“ fand die Reihe „Zukunft Deutschland – Flucht und Migration im Fokus“ mit ihrer fünften Veranstaltung in der Hessischen Landesvertretung ihren vorläufigen Abschluss. Unter der Regie von Dr. Winfried Kösters wurden spannende Praxisbeispiele präsentiert.

Hessen hatte sich früh auf die starke Zunahme der Flüchtlinge eingestellt

Staatsministerin Lucia Puttrich wies in ihrer Begrüßung auf die Chancen für die positive Gestaltung des demographischen Wandels hin. Hessen habe sich mit einem Aktionsplan zur Integration von Flüchtlingen und zur Bewahrung des gesellschaftlichen Zusammenhalts sehr früh auf die Herausforderungen durch die starke Zunahme der Flüchtlinge eingestellt und dabei großen Wert darauf gelegt, dass auch die schon in Hessen lebenden Menschen bei den ergriffenen Maßnahmen mitbedacht werden, etwa durch eine verstärkte Förderung des sozialen Wohnungsbaus, der allen zu Gute kommt.

„Wenn Du anderen hilfst, hilfst du auch dir selbst.“ Mit diesem Satz fasste der ehemalige Trainer der Eintracht Frankfurt Dragoslav Stepanović seine Motivation zusammen, warum er sich als Botschafter des Landes Hessen für die Integration von Flüchtlingen einsetzt. Anas Kodaimati, der vor 17 Monaten aus dem zerstörten Aleppo nach Hessen kam und mittlerweile als IT-Consultant in Neu-Isenburg arbeitet, machte deutlich, dass er sich allein auf den Weg gemacht hat, weil er wusste, dass die Flucht über das Mittelmeer gefährlich ist und er das Leben seiner Familie nicht riskieren wollte. Er warb dafür, Flüchtlingen nicht mit Vorurteilen zu begegnen und zu pauschalisieren, sondern den einzelnen Menschen hinter dem Flüchtling zu sehen.

Die Vize-Präsidentin des Deutschen Roten Kreuzes, Donata Freifrau v. Schenck zu Schweinsberg, lobte den Hessischen Aktionsplan zur Integration der Flüchtlinge, wies aber auch darauf hin, dass noch viel zu tun ist. So sei die Anerkennung von Berufsabschlüssen für viele Flüchtlinge zu kompliziert. Sie verwies auf zwei Ärzte aus Syrien im Publikum, die wegen bürokratischer Hürden noch nicht praktizieren können, obwohl Mediziner insbesondere im ländlichen Raum dringend benötigt werden.

Sport, Schneidern und Kochen bringt Geflüchtete und Beheimatete näher

Drei Praxisbeispiele aus Hessen erzeugten ein anschauliches Bild, was in den vergangenen Monaten von Ehrenamtlichen alles geleistet worden ist. Behzad Borhani, Vorstandsmitglied der Sportjugend Hessen, berichtete, dass das von der Landesregierung unterstützte Förderprogramm „Sport und Flüchtlinge“ innerhalb eines Jahres von drei auf 342 teilnehmende Vereine gewachsen ist. Er konnte dabei auf seine eigenen Erfahrungen als Flüchtlingskind bauen. Borhani, der als Fünfjähriger nach Hessen kam, machte seine ersten Kontakte mit deutschen Kindern auf dem Fußballplatz.

In Frankfurt beschäftigt das erfolgreiche Start Up „Stitch by Stitch“  geflüchtete Frauen. Sie stellen  Mode in Kleinserien her und schließen damit eine Marktlücke. Die Gründerinnen Nicole von Alvensleben und Claudia Frick waren mit drei Schneiderinnen angereist, die ursprünglich aus Syrien, Iran und Afghanistan nach Deutschland kamen. Alle drei Frauen wollen Modedesign studieren und später ein eigenes Geschäft führen.

Ein drittes Projekt, das an dem Abend vorgestellt wurde, war „Über den Tellerrand e.V.“, das Geflüchtete und Beheimatete über gemeinsames Kochen und Essen einander näher bringt. Ein Projekt des Vereins „Kitchen on the run“, eine mobile Küche in einem umgebauten Schiffscontainer, hatte auf seiner Europatour im letzten Sommer auch Station im Garten der Hessischen Landesvertretung gemacht. Eine der Initiatorinnen, Jule Schröder, berichtete, dass die Finanzierung für die nächsten zwei Jahre gesichert ist, und diesmal auch kleinere Städte in Deutschland aufgesucht werden. Linda Gummlich stellte das Job Buddy-Programm vor, mit dem individuelle Partnerschaften zwischen Flüchtlingen und einheimischen Mentoren vermittelt werden, die bei der Suche nach Arbeits- und Praktikumsplätzen behilflich sind und auch bei anderen Fragen mit Rat und Tat zur Seite stehen. Einige der Teilnehmer des Programms meldeten sich in der anschließenden Diskussion zu Wort und meinten, dass darüber auch Freundschaften gestiftet worden sind.

 

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