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30. November 2016

Verleihung der Leuschner-Medaille an Kardinal Lehmann

- Es gilt das gesprochene Wort -

Sehr geehrter, lieber Kardinal Lehmann, meine sehr verehrten Damen und Herren,

jedes Jahr verleiht das Land Hessen anlässlich seines Verfassungstages mit der Leuschner-Medaille die höchste Auszeichnung unseres Landes.

Wir verleihen diese Medaille im Geiste Wilhelm Leuschners. Zur Erinnerung an sein Wirken, aber vor allem zur Würdigung von Leistungen, die im Sinne von Wilhelm Leuschner für Demokratie und Freiheit, Gemeinsinn und soziale Gerechtigkeit außergewöhnliche Leistungen erbracht haben. Wilhelm Leuschner bezahlte seinen Einsatz für Demokratie und Freiheit und zur Abwehr der nationalsozialistischen Diktatur mit dem Leben. Diesen letzten, quasi höchsten Einsatz muss heute, Gott sei Dank, niemand mehr erbringen. Aber Demokratie und Freiheit sind keine Selbstverständlichkeit, müssen immer wieder neu errungen und befestigt werden und bedürfen Persönlichkeiten, die in ihrem Denken und Handeln dafür einstehen.

Sie, sehr verehrter Herr Kardinal Lehmann, haben sich in ihrem ganzen Leben als Brückenbauer zwischen Kirche und Staat und den verschiedenen Religionen herausragende Verdienste um Freiheit, Demokratie und soziale Gerechtigkeit erworben.

Fast 33 Jahre haben Sie als Bischof von Mainz gewirkt und, wenn ich richtig unterrichtet bin, ist dies in den vielen Jahrhunderten des Bistums allen Nachfolgern des Heiligen Bonifatius nur zwei Bischöfen vergönnt gewesen, länger als Sie zu amtieren.

Das vom heiligen Bonifatius gegründete Bistum liegt heute zu Zweidritteln in Hessen. Deshalb darf man wohl auch mit dem legendären Satz des früheren Ministerpräsidenten Georg August Zinn sagen, „Hesse ist, wer Hesse sein will“ und in diesem Sinne waren Sie, obwohl bekennender Mainzer, auch immer ein Hesse.

Sehr geehrter, lieber Kardinal Lehmann,

Sie sind in unserem Land zu einer intellektuellen und moralischen Autorität geworden. Sie verbinden intellektuelle Brillanz mit natürlicher Bodenständigkeit, Autorität mit großer Nähe zu den Menschen, sind beliebt, aber nie beliebig.

Nach Ihren Kinder- und Jugendtagen und dem Abitur in Sigmaringen haben Sie Philosophie und Theologie in Freiburg und später an der päpstlichen Universität Gregoria in Rom studiert. Dort wurden Sie zunächst zum Doktor der Philosophie und später auch zum Doktor der Theologie promoviert.

1963 erhielten Sie durch Kardinal Döpfner in Rom die Priesterweihe.

Diese Zeit in Rom, das war die Zeit des zweiten vatikanischen Konzils, hat Sie geprägt.

Sie haben einmal in einem Interview formuliert: „Ich könnte mich gar nicht denken ohne das Konzil!“ In diesem Satz zeigt sich viel von dem, was einmal Ihre spätere Arbeit und Ihr Wirken ausmachte. Auch die Zeit als Assistent eines der bedeutendsten Theologen des 20. Jahrhunderts, Karl Rahner, den Sie an den Universitäten in München und Münster begleiteten, dürfte für Sie prägend geworden sein.

1968 erhielten Sie dann die Professur für katholische Dogmatik und theologische Propädeutik an der Universität Mainz und wechselten später an den Lehrstuhl für Dogmatik und ökumenische Theologie an die Universität Freiburg.

Wie Sie selbst einmal formulierten, hat Ihnen die Zeit an der Universität besondere Freude gemacht. Sie waren ein leidenschaftlicher Hochschullehrer und außergewöhnlich erfolgreicher Wissenschaftler. Nicht zuletzt Ihre über 1.000 Veröffentlichungen zeugen von dieser ungebrochenen Freude am wissenschaftlichen Diskurs.

Mit der Wahl zum Bischof von Mainz wurde aus dem Wissenschaftler und Hochschullehrer der Oberhirte des Bistums Mainz. Dies war ein Glücksfall nicht nur für die katholischen Gläubigen im Bistum, sondern für unser ganzes Land. In Ihren 33 Jahren als Bischof von Mainz und insbesondere auch in Ihren fast 20 Jahren als Vorsitzender der deutschen Bischofskonferenz haben Sie in vielfältiger Weise Verbindungen zwischen Kirche und Gesellschaft neu belebt und herausragende Beiträge zum Miteinander in unserem Land geleistet. Sie sind dabei nie oberflächlich geblieben. Im Gegenteil, mit fundiertem theologischen Wissen und Denken haben Sie christlichen Positionen auch außerhalb der Kirche Respekt verschafft. Dies gilt für viele Bereiche, aber insbesondere auch dort, wo es um fundamentale Werte unserer Demokratie und unserer Verfassung geht.

Ihnen ist es gelungen, ein Mittler zwischen den Welten zu werden. Zwischen der Wissenschaft und dem Glauben, der katholischen und der evangelischen Kirche, zwischen den christlichen und nichtchristlichen Religionen, zwischen Gesellschaft und Politik, ja sogar zwischen Kirche und Sport. Sie sind im Laufe Ihres Lebens auf vielfache Weise wahrlich zum Brückenbauer geworden.

Die Fähigkeit zu verbinden und sowohl menschlich als auch intellektuell Gegensätze zu überwinden, zeichnete sich schon früh ab.

Mit Ihrer Arbeit über die Seins-Frage im Denken Martin Heideggers, wahrlich schwere Kost, haben Sie eine Brücke zwischen Philosophie und Theologie geschlagen, die dazu beitrug, die katholische Welt mit der Moderne zu verbinden.

Der weltoffene Geist des zweiten vatikanischen Konzils hat Sie geprägt. Sie wollten die Welt in Ihre Kirche und die Kirche in die Welt hineinbringen. Kirchliche Lehre und die Lebenswelt der Menschen zusammenzubringen, hat Sie immer wieder besonders beschäftigt und auch geprägt. Ich erinnere beispielhaft an Ihr Engagement für wiederverheiratete Geschiedene.

Auf der gleichen Linie liegt aus meiner Sicht Ihr herausragendes Bemühen um die Ökumene. Schon 1969 traten Sie dem ökumenischen Arbeitskreis katholischer und evangelischer Theologen bei und übernahmen 1988 den Vorsitz auf katholischer Seite. Diese Arbeit war und ich denke, dies darf man sagen, auch über die religiösen Grenzen hinaus segensreich nicht nur für die christlichen Religionen, sondern für unser ganzes Land.

Diese einzigartigen Verdienste um die Ökumene in Deutschland wurden mit der Martin-Luther-Medaille geehrt. Ein besonderes Zeichen – gerade auch im Hinblick auf das bevorstehende Reformationsjahr 2017. Es ist einmalig, dass mit Ihnen ein Katholik diesen evangelischen Preis erhielt.

Aber nicht nur zwischen katholischer und evangelischer Kirche haben Sie als Brückenbauer gewirkt, sondern auch zum Judentum. Nach Jahrhunderten der Ablehnung des Judentums wurde mit dem zweiten vatikanischen Konzil auch der Weg zur Aussöhnung zwischen Katholiken und Juden geebnet. Mit der Verleihung des Abraham-Geiger-Preises durch das Potsdamer Rabbiner-Kolleg ist Ihr Wirken in besonderer Weise ausgezeichnet worden. Wie es in der damaligen Preisverleihung hieß, erhielten Sie diese Auszeichnung aus folgenden Gründen: „Ihre Freundschaft dem Judentum gegenüber, aber auch zum Dank für Ihren Mut, mit dem Sie Ihrer eigenen Überzeugung stets treu geblieben sind.“

So haben Sie den Religionsdialog gestaltet und fruchtbar gemacht. Kenntnis des Eigenen und Kenntnis des Anderen. Nur wenn jeweils Sachkenntnis und der Wille zum Verstehen vorhanden ist, kann der Dialog fruchtbar werden.

Die eigene Religion ernst nehmen und sich ernsthaft mit dem Gegenüber zu befassen. So haben Sie auch den Dialog mit den Muslimen eingefordert. Die Vergabe des Hessischen Kulturpreises im Jahre 2009, sie war ja nicht ganz komplikationsfrei, hat gezeigt, dass dieses gegenseitige Verständnis nicht immer leicht ist. Aber auch hier hat sich stets Beharrlichkeit und Klugheit als beste Grundlage zum Dialog erwiesen.

Gerade in diesen Tagen brauchen wir die Bereitschaft und die Fähigkeit zum Austausch und eine Kultur des gegenseitigen Respekts.

Gewissheiten schwinden, vertraute Milieus lösen sich immer mehr auf und Information und Kommunikation verändern sich revolutionär. Nicht zuletzt die Entwicklungen zum Beispiel in den sozialen Netzwerken zeigen uns bedenkliche Entwicklungen. Enthemmungen, Ausgrenzungen, Missachtung von Minderheiten, die Bereitschaft zu Hass und Gewalt und die Verächtlichmachung des Staates und seiner Institutionen dürfen wir nicht mit Gleichgültigkeit zur Kenntnis nehmen. Im Gegenteil. Wir sind aufgerufen, aktiv gegenzuhalten und für Freiheit, Demokratie, Toleranz und wertschätzendes Miteinander zu werben, zu streiten und vor allen Dingen auch beispielhaft einzustehen.

Genau dies – sehr verehrter, lieber Kardinal Lehmann – hat Sie immer ausgezeichnet und statt auf den Kampf der Kulturen haben Sie auf das Verstehen der Kulturen gesetzt.

Der weite Blick, das feste Glaubensfundament und die Bereitschaft, nicht das Trennende, sondern das Gemeinsame zu betonen, ohne Trennendes zu missachten, hat Sie ausgezeichnet und ist eine Kunst, die Sie in besonderer Weise beherrschen. Nicht zuletzt Ihr Gespür für politisches Handeln und Ihre intensiven Kontakte zu den politischen Parteien, zur Wirtschaft und den Verbänden, hat Sie ausgezeichnet.

Sie wussten immer, dass Politik und Kirche zwar zwei verschiedene Bereiche, aber doch Teil einer Gesellschaft sind.

Genauso haben wir Sie auch hier bei uns in Hessen über Jahrzehnte erlebt und eine fruchtbare Zusammenarbeit pflegen können.

Der Erosion des gesellschaftlichen Miteinanders haben Sie sich mutig entgegengestellt und aufgrund Ihrer Integrität und Glaubwürdigkeit Brücken gebaut, die zur Verständigung in unserem Land beitrugen und das Miteinander, die Demokratie und die soziale Gerechtigkeit nachhaltig beförderten.

Sehr geehrter, lieber Herr Kardinal Lehmann,

die Menschen mögen Sie und Sie mögen die Menschen. Sie haben die Sorgen und Nöte der Menschen und der Zeit erkannt. Dabei sind Sie immer bodenständig und lebensfroh geblieben. Mit Ihrer humorvollen und den Menschen zugewandten Art sind Sie einer der authentischsten Repräsentanten Ihrer Kirche und prägenden Gestalten des Gemeinwesens geworden.

Einer Ihrer Vorgänger im Amt - der berühmte Sozialbischof Wilhelm Emmanuel von Ketteler - hat einmal wie folgt formuliert:

Und ich bitte den Mainzer Oberbürgermeister genau zuzuhören:

Zum „Mainzer Volkscharakter“: Bei seiner nicht unbedeutenden Neigung zum heiteren Lebensgenusse und zu einem gewissen Grade von Leichtsinn, ist der Ernst der Religionen als mäßigendes bewachendes Element noch weit unentbehrlicher als vielleicht bei manchem sonstigen Volksstamme.“

Sehr verehrter, lieber Herr Kardinal Lehmann, meine Damen und Herren,

Bischof Ketteler kann im Hinblick auf seinen Nachfolger Karl Kardinal Lehmann wirklich beruhigt sein. Es trägt maßgeblich zur Sympathie bei, dass bei Ihnen lieber Herr Kardinal, der heitere Lebensgenuss und der Ernst der Religionen gut ausgewogen sind.

Ich freue mich, Ihnen heute die höchste Auszeichnung des Landes Hessen, die Wilhelm Leuschner-Medaille, verleihen zu dürfen.