Namensartikel

Der Sturz der Babyboomer: Meine Replik

26.02.2012Hessische Staatskanzlei

Der Rundumschlag gegen eine ganze Politikergeneration, zu dem Frank Schirrmacher vor einer Woche in einem FAZ Artikel ausholte, geht nicht nur zu weit - er stimmt schlichtweg nicht.

Politikerschelte geht immer. Das war vor der größten Weltwirtschaftskrise seit achtzig Jahren so, in der nur der Staat, und damit die politisch Verantwortlichen, durch mutige und kraftvolle Entscheidungen die Weltwirtschaft vor dem totalen Kollaps retten konnten, und es ist auch heute nicht anders.

Dass aber einer der Herausgeber der F.A.Z. in einem Beitrag für die F.A.S. vom 19.02.2012 den Rücktritt von Bundespräsident Christian Wulff zum Anlass nimmt, zum Rundumschlag gegen eine ganze Politikergeneration anzusetzen, das geht nun wirklich zu weit. Was Frank Schirrmacher an Thesen zur "Babyboomer-Generation" der Politiker aufstellt, ist noch nicht einmal gewagt. Es ist schlichtweg falsch.

Gestern noch wird über "die Berufspolitiker" geschimpft, weil sie in ihrem Leben nichts anderes zustande gebracht hätten, als in Länderparlamenten oder im Bundestag ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Für andere berufliche Verwendungen seien sie nicht zu gebrauchen. Heute werden sie dafür gescholten, dass sie nach vielen erfolgreichen Jahren in höchsten Ämtern neue berufliche Herausforderungen suchen.

Die vermeintliche Ideenarmut

Eine "erschöpfte Generation" in der Funktion des Vorstandsvorsitzenden eines großen internationalen Dienstleistungskonzerns (Roland Koch), in der Funktion eines Bundesverfassungsrichters (Peter Müller), in der Funktion des Partners in einer renommierten Rechtsanwaltskanzlei (Friedrich Merz) oder in der Funktion des Fraktionsvorsitzenden im Bundestag (Frank-Walter Steinmeier)? Die Babyboomer als "ökonomische und soziale Last dieser Gesellschaft" - diese These zu untermauern bedarf einer hohen Kreativität.

Der Kernvorwurf Schirrmachers ist aber die vermeintliche Ideenarmut der Babyboomer-Generation, die nur Leere hinterlassen habe. Das politische Projekt dieser Generation liege in Trümmern. Das provoziert geradezu eine Replik.

In meiner politischen Laufbahn habe ich naturgemäß sehr eng mit Frauen und Männern dieser Generation zusammengearbeitet. Mein Eindruck ist ein völlig anderer: Diese Generation war gerade immer besonders engagiert, motiviert und begeisterungsfähig. Ich erinnere an die Schulkämpfe der siebziger Jahre - massenhaft sind junge Menschen damals in die Parteien eingetreten, haben ihre kommunalpolitische Laufbahn gestartet oder sich in Initiativen zusammengeschlossen.

Wir von der Jungen Union haben für die Wiedervereinigung gekämpft, als andere sich mit Mauer und Stacheldraht abgefunden hatten, haben zum 17. Juni demonstrativ Mauern in Innenstädten niedergerissen oder Zonengrenzseminare veranstaltet. Ich will das nicht politisch einseitig betrachten, denn viele Teile dieser Generation haben sich bekannt: Man denke an die Umwelt- und Friedensbewegung, an die großen Demonstrationen damals im Bonner Hofgarten - gegen, aber auch für die Nachrüstungspolitik der damaligen Bundesregierungen.

Diese Generation war und ist keine Wohlstandsgeneration, die sich wohlstandssatt in ein Konsumnest verkrochen hat, sondern sie hat sich bekannt und engagiert! Sie hat immer einen Gestaltungswillen gehabt. Der Trendforscher Matthias Horx hat den Charakter der "Babyboomer" vor Jahren so beschrieben: "Die Devise ,So schnell wie möglich in Pension' weicht der Parole ,So lange wie möglich Herausforderungen!'" Für einen Forscher, der Trends und Ideen aufstöbert, ein bemerkenswerter Unterschied zum Herausgeber der F.A.Z.

Schön logisch - auf dem Papier

Ja, es ist eine Generation, die läuft, die rennt und aufreibend agiert, vielleicht auch mal gegen die eine oder andere Wand gelaufen ist, die sich auch im politischen Geschäft mal Blessuren geholt hat. Aber kopf- und ideenlos? Man muss nicht so weit gehen wie Altkanzler Schmidt und meinen, wer in der Politik Visionen habe, solle besser zum Arzt gehen. Aber es ist falsch und unfair, der hier gescholtenen Generation geistige Armut vorzuwerfen und sie auf das Markt- und Konsumleben zu reduzieren.

Richtig ist allerdings, dass eine Idee, ein politisches Konzept auch Mehrheiten in Parlamenten braucht. Demokratie ist anstrengend. Wenn die "Babyboomer" sich hier mehr oder weniger schnell zu pragmatischen Wegen entschieden haben und entscheiden, dann ist das gut für die Ergebnisse, die eine solche Politik für die Menschen zum Ziele hat.

Schirrmachers Schelte, die sich ja schön logisch auf dem Papier liest - quasi eine philosophische Streitschrift in sechs Zeitungsspalten -, hat mit der politischen Wirklichkeit wenig zu tun. Wir brauchen keine Klassifizierungen, keine Generationenkonflikte oder Frustoderjammerdebatten. Mehr Ermutigung und Miteinander sind gefragt. Das sichert die Zukunftsfähigkeit und unsere Demokratie.

Der Namensartikel ist am 26. Februar 2012 in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung erschienen.

Kontakt für Pressevertreter

Pressesprecher: 
Staatssekretär Michael Bußer
Hessische Staatskanzlei
+49 611 32 39 18
+49 611 32 38 00
presse@stk.hessen.de
Schließen