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Interview über gewalttätige Fans

Ministerpräsident Volker Bouffier: „Die Gewalttäter sind keine Fans, es sind Schläger“

02.06.2012Hessische Staatskanzlei

Sport hat Volker Bouffier schon immer interessiert: er spielte einst erfolgreich Basketball, später leitete er über elf Jahre lang das Ministerium für Inneres und Sport in Hessen. Als Ministerpräsident treiben ihn die jüngsten Gewalt-Exzesse im Fußball um. Lesen Sie hier das Interview mit dem Darmstädter Echo (Ausgabe vom 2. Juni 2012).

ECHO: Herr Ministerpräsident, Sie waren vor über 40 Jahren Jugend-Nationalspieler im Basketball. Was haben Sie für Erinnerungen an die Zeit?

Volker Bouffier: Viele schöne, aber auch eine schmerzhafte: Wir waren qualifiziert für die Europameisterschaft im spanischen Vigo. Just während des Turniers sollte ich mein Sportabitur ablegen, es standen Leichtathletik-Prüfungen an. Ich bat bei der Schulleitung um eine Verschiebung, als Antwort kam nur: Du nimmst teil, oder du bekommst eine Sechs. Ich musste schweren Herzens das Turnier absagen. Heute würde man das wohl anders regeln.

ECHO: Welche Erfahrungen haben Sie als Top-Sportler gesammelt?

Bouffier: Die Reisen mit der Nationalmannschaft und in Deutschland zu Vereinsspielen haben Begegnungen ermöglicht
und meinen Blick geöffnet über den Sport hinaus. Und ich habe Allgemeingültiges für das Leben gelernt: Dass sich harte Anstrengung immer lohnt, auch wenn man bei nüchterner Betrachtung zunächst keine große Chance hat. Dass Niederlagen trotz vorheriger Verausgabung zu respektieren sind. Dass man nach Siegen nicht überschnappt, nach Niederlagen nicht untergeht.

ECHO: Warum haben Sie Ihre Basketball-Karriere beendet?

Bouffier: Ich hatte einen schweren Autounfall. An Sport war dann nicht mehr zu denken.

ECHO: In diesen Wochen sorgen die dunklen Seiten des Sports, des Fußballs, für Schlagzeilen. Es gibt gezielte Überfälle auf Fans, etwa bei dem Relegationsspiel von der Dritten in die Zweite Liga in Karlsruhe. Auch bei der Relegation zwischen dem Zweitligisten Fortuna Düsseldorf und Hertha BSC Berlin kam es zu Tumulten. Das Spiel stand kurz vor dem Abbruch. Wohin entwickelt sich das?

Bouffier: Was wir erleben, sind ernst zu nehmende Alarmsignale, aber nicht nur bei diesen Spielen. Es gelingt offenbar immer weniger, Gewaltexzesse zu verhindern. Aber das ist nicht in erster Linie die Schuld des Fußballs. Der Fußball ist ein Massenereignis und bewegt die Menschen ganz außerordentlich.

ECHO: Was muss passieren im Kampf gegen die Gewalt im Fußball?

Bouffier: Zunächst einmal müssen wir die Dinge deutlich beim Namen nennen: Fans sind diejenigen, die sich für das Spiel begeistern. Die Gewalttäter sind keine Fans, es sind Schläger. Ihnen muss man mit entschlossener Polizeiarbeit entgegentreten.

ECHO: Was kann konkret gegen Hooligans außerhalb von Stadien, in Zügen oder an Autobahnraststätten unternommen
werden?

Bouffier: Personenkontrollen im Vorfeld sind wichtig. Sinnvoll ist etwa auch der Einsatz von Lesegeräten zur Erfassung von Autokennzeichen. So kann man möglichst früh erkennen, welche Krawallmacher den Weg zu einem Spiel suchen.

ECHO: Es gibt die Forderung, notorische Hooligans durch den Einsatz der elektronischen Fußfessel von Fußballstadien fernzuhalten. Was halten Sie davon?

Bouffier: Wir setzten Fußfesseln bisher nur bei verurteilten Straftätern ein. Generell kann man den Einsatz von Fußfesseln auch zur Vorbeugung diskutieren und dafür gegebenenfalls Gesetze ändern. Aber das würde dann nicht nur für den Fußball gelten.

ECHO: Was können die Vereine gegen die Gewalt in den Stadien machen?

Bouffier: Die Gewährleistung der Sicherheit der Spieler, der Vereinsmitarbeiter und der Zuschauer steht über allem. Nach den vielen Vorfällen in Stadien muss man nun intensiv darüber nachdenken, Zäune in den Stadien wieder aufzustellen oder zu erhöhen. So könnten Gewalttäter auch von der großen Masse der friedlichen Fans separiert werden.

ECHO: Reicht das zur Erhöhung der Sicherheit aus?

Bouffier: Nein, mit einer Maßnahme lösen wir das Problem nicht. Es müssen wohl die Kontrollen an den Stadien intensiviert werden. Das hätte zwar zur Folge, dass die Zuschauer länger brauchen, um ins Stadion zu kommen. Aber ich glaube, dass die Leute das der Sicherheit zuliebe akzeptieren.

ECHO: Sind denn auch mehr private oder besser qualifizierte Sicherheitsleute, von den Vereinen engagiert, in den Stadien nötig?

Bouffier: Ja, das steht auf der Tagesordnung. Ich bin skeptisch, dass die Kontrollen technisch erfolgen können, etwa durch Körper-Scanner.

ECHO: Es gibt den Vorschlag, einen Schritt auf die Fußball-Kultur in den Stadion zuzugehen, indem man das kontrollierte Abbrennen von Bengalos (Feuerwerkskörpern) erlaubt.

Bouffier: Die Debatte muss in aller Entschlossenheit beendet werden. Bengalos gefährden die Fans im Stadion im hohen Maße. So klar muss das auch auf den Jahreshauptversammlungen der Vereine gesagt werden, um allen Fangruppen klar vor Augen zu führen: Bengalos sind eine gemeingefährliche Angelegenheit.

ECHO: Die Bundesliga-Vereine haben mit dem Pay-TV-Sender „Sky Deutschland“ einen neuen hochdotierten Fernsehvertrag abgeschlossen. Müssen die Vereine nicht viel mehr Geld in die Hand nehmen für präventive Fan-Arbeit?

Bouffier: Ich bin sehr für Fan-Projekte, und sie sollen auch stärker gefördert werden. Es ist wichtig, dass Fans und Vereine im Gespräch sind. Aber man muss nüchtern bleiben: Solche Projekte helfen nicht weiter bei Leuten, die Gewalt ausüben wollen. So jemand hat im Fußballstadion nichts zu suchen.

ECHO: In der neuen Sicherheitsdebatte ist ein Vorschlag am radikalsten: Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich hat ins Gespräch gebracht, die Stehplätze in den Fankurven nach englischem Vorbild abzuschaffen. Was halten Sie davon?

Bouffier: Ich bin dafür, lieber die Stehplätze zu belassen und stattdessen Zäune wieder aufzubauen. Auch so können Spieler geschützt werden, die Anhänger der Gastmannschaft und alle friedlichen Fans.

ECHO: Ein klares Ja zu den Stehplätzen?

Bouffier: Wir müssen sehen, dass Gewalt gelegentlich auch von Sitzplatz-Bereichen ausgeübt wird. Zudem: Zum Fußball gehört auch, dass Zuschauer relativ preisgünstig Bundesliga-Spiele im Stadion sehen können.

ECHO: Haben Sie das Gefühl, dass die Fußballvereine genug Einsatz zeigen im Kampf gegen die Gewalt?

Bouffier: Ich will nicht alle Vereine über einen Kamm scheren. Die meisten sind sich des Problems bewusst. Aber es gibt auch Vereine, die aufpassen müssen, dass sie nicht in den Verdacht geraten, sich nicht klar genug gegen Gewalttäter abzugrenzen, und zwar nach dem Motto: „Das sind Fans, die halt ihre Leidenschaft ausleben“. Die Vereine fürchten, dass sie Anhänger verlieren, wenn sie eine klare Kante ziehen. Für mich ist aber klar: Es muss vom Vereinspräsidenten bis runter zu jedem Spieler klar sein, wo die Grenze ist.

ECHO: Die Einsätze gegen gewaltbereite Fußball-Fans kosten den Steuerzahler jedes Jahr viele Millionen. Muss die Politik nicht die Vereine stärker zur Kasse bitten?

Bouffier: Ich bin da eher skeptisch, es gibt vor allem ein juristisches Problem: Für Konzerte, politische Veranstaltungen oder Sport-Events ist es praktisch nicht möglich, die Kosten für Polizeieinsätze gerichtlich nachprüfbar den Ereignissen und damit den Veranstaltern zuzuordnen.

ECHO: Aber der Staat kann die steigenden Kosten doch nicht dauerhaft schultern?

Bouffier: Ich bin für einen Sicherheits-Euro, den wir auf die Fußball-Tickets drauflegen. Wenn ein Zuschauer jetzt 17 Euro bezahlt, dann zahlt er künftig 18 Euro. Der Besucher finanziert dann ganz bewusst Polizei und private Sicherheitsdienste mit. Das würde erheblich weiterhelfen. Ich hoffe, dass die deutschen Bundesliga-Vereine diese Idee intensiv diskutieren.


Das Interview führte Johannes Bentrup

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