Rede

Ministerpräsident Volker Bouffier zum Jahrestag des Kriegsendes am 8. Mai 1945

30.04.2015Hessische Staatskanzlei

Rede am 30. April 2015 vor dem Hessischen Landtag

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Volker Bouffier am 04.02.2014 im hessischen Landtag
© Staatskanzlei

- Es gilt das gesprochene Wort -

Der bevorstehende 70. Jahrestag der deutschen Kapitulation und das Ende des Zweiten Weltkrieges in Europa am 8. Mai 1945 ist Gegenstand vielfältiger Erörterungen, Diskussionen und Veranstaltungen.
Ich begrüße dies sehr, weil es Gelegenheit gibt uns gemeinsam darauf zu besinnen, was dieses Datum für uns bedeutet, heute und in Zukunft.

Ich begrüße deshalb auch die heutige Debatte im Landtag und kann für die Landesregierung ausdrücklich die Zustimmung zu den Anträgen von CDU, Bündnis90/Die Grünen und SPD bekunden.

Die Bewertung des 8. Mai und seine Bedeutung für unser Land ist in den zurückliegenden 70 Jahren höchst vielfältig und nicht selten auch gegensätzlich ausgefallen.

Der verstorbene Altbundespräsident Richard von Weizsäcker hat dies vor 30 Jahren ‒ 1985 ‒ in seiner Rede zum 8. Mai deutlich gemacht und insbesondere die Empfindungen der Erlebnisgeneration beschrieben. Im Antrag von CDU und Bündnis90/Die Grünen wird dies zitiert und ausgeführt: Es heißt dort: „Der 8. Mai ist für uns Deutsche kein Tag zum Feiern. Die Menschen, die ihn bewusst erlebt haben, denken an ganz persönliche und damit ganz unterschiedliche Erfahrungen zurück. Der eine kehrte heim, der andere wurde heimatlos. Dieser wurde befreit, für jenen begann die Gefangenschaft. Viele waren einfach nur dankbar dafür, dass Bombennächte und Angst vorüber und sie mit dem Leben davon gekommen waren. Andere empfanden Schmerz über die vollständige Niederlage des eigenen Vaterlandes. Verbittert standen Deutsche vor zerrissenen Illusionen, dankbar andere Deutsche vor dem geschenkten neuen Anfang.“

Hier in unserem Parlament haben wir noch einen Zeitzeugen. Unser Alterspräsident, der Kollege Horst Klee, war fünf Jahre alt und es wird wohl auch für ihn so gewesen sein, dass er froh war, dass Bombennächte und Angst vorüber waren und er, seine Mutter, sein kleiner Bruder und seine Großeltern mit dem Leben davon gekommen waren.

Der deutsche Schriftsteller und Nobelpreisträger, Heinrich Böll, formulierte zu diesem Thema wie folgt: „Der Krieg wird niemals zu Ende sein, solange noch eine Wunde blutet, die er geschlagen hat.“
Unendlich viele Wunden sind durch diesen Krieg geschlagen worden, Wunden, die bis heute nicht verheilt sind und die uns mahnen und verpflichten.
Wunden, die uns verpflichten, der Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft zu gedenken und Wunden, die uns mahnen, aktiv für Frieden, Völkerverständigung, Weltoffenheit und Toleranz einzutreten, wie dies auch im SPD-Antrag besonders hervorgehoben wird.

Der 8. Mai 1945 kann nicht ohne den 30. Januar 1933, den Tag der sogenannten Machtergreifung der Nazis verstanden werden.
Der 30. Januar 1933 war der Beginn und der 8. Mai 1945 war der Endpunkt einer menschenverachtenden Diktatur, der Millionen Menschen zum Opfer fielen und die mit systematischem Völkermord einen absoluten Tiefpunkt in der Geschichte unseres Landes erreichte.

Diese Einzigartigkeit des Geschehens erlaubt uns auch heute, 70 Jahre nach Ende der Nazidiktatur nicht, einen Schlussstrich zu ziehen oder das Geschehene zu relativieren.

Im Gegenteil, es verpflichtet uns eine aktive Erinnerung an die Opfer zu wahren. Deshalb sind Gedenkstätten auch bei uns in Hessen wie z. B. Hadamar, ein Ort in dem tausende Menschen Opfer planmäßiger Tötung wurden, so wichtig. Deshalb ist die Arbeit der Heimat- und Geschichtsvereine oder der Kriegsgräberfürsorge so wertvoll.

Sich der eigenen Geschichte zu stellen und sich mit ihr auseinanderzusetzen, ist die Voraussetzung für gelingende Zukunft.
Dies hat in Deutschland lange gedauert und aus heutiger Sicht häufig zu lange.

Hessen hat zu dieser Aufarbeitung einen ganz besonderen Beitrag geleistet. Es ist mir gerade heute wichtig, darauf hinzuweisen, dass es der Hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer war, der gegen vielfache Widerstände mit den von ihm herbeigeführten Frankfurter Auschwitzprozessen erstmals einem ganzen Land das Ausmaß des Grauens aber auch der Verantwortung für dieses Grauen vor Augen führte. Diese Leistung Fritz Bauers und seiner Mitstreiter war wichtig für Deutschland und ist auch heute Anlass für Dank und Anerkennung.

Der 8. Mai 1945 verpflichtet uns aber nicht nur der Opfer der Naziherrschaft im In- und Ausland zu gedenken, er verpflichtet uns auch entschieden für Frieden, Freiheit und Demokratie einzutreten. Er verpflichtet uns, den Anfängen zu wehren und immer wieder deutlich zu machen, dass in Hessen kein Platz für diejenigen ist, die diese Demokratie bekämpfen und Menschrechte missachten. Dies gilt für Extremisten aller Art und es gilt besonders für diejenigen, die als ewig gestrige oder neue Anhänger des nationalsozialistischen Ungeistes ihr Unwesen treiben. Im Gegenteil, diesem Treiben muss mit allen Mitteln des Rechtsstaates und einer gesamtgesellschaftlichen Ächtung entschieden entgegengetreten werden.

Der 8. Mai ist aber nicht nur ein Datum der Erinnerung und der Mahnung, er ist auch ein Datum der Hoffnung, der Ermutigung und der Freude.

Mit dem größeren Abstand zum Kriegsende ist die Feststellung des früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker, dass der 8. Mai 1945 ein Tag der Befreiung war, immer klarer hervorgetreten. Die Befreiung von der Nazidiktatur war die Grundlage für ein neues und demokratisches Deutschland und die Rückkehr unseres Landes in den Kreis der zivilisierten Welt.

Diese Befreiung ist Deutschland nicht selbst gelungen, sondern wir mussten wie Thomas Mann in einem seiner Briefe im Juli 1945 schrieb, „durch äußere Mächte zur Menschheit zurückgeführt werden.“

Es ist deshalb heute auch Anlass diesen äußeren Mächten, die uns unter größtem Opfer von der Nazidiktatur befreiten, zu danken.

Dieser Dank gilt insbesondere den Alliierten, den Vereinigten Staaten von Amerika, dem Vereinigten Königreich und Frankreich.
Es stimmt: Auch die Sowjetunion hat Deutschland von den Nazis befreit und unendliches Leid durch die Nazidiktatur erfahren und millionenfache Opfer zu beklagen. Es stimmt aber auch, dass in dem Teil Deutschlands, den die Sowjetunion besetzte, nicht Demokratie und Freiheit, sondern der Übergang von der einen Diktatur in die andere erfolgte.

Demokratie, Freiheit und die Wahrung der Menschenrechte erfüllte sich deshalb für die Bürgerinnen und Bürger der ehemaligen DDR erst mit dem Fall der Mauer und dem Beitritt zur Bundesrepublik am 3. Oktober 1990.

Den Alliierten ging es zunächst darum zu verhindern, dass von Deutschland jemals wieder ein Krieg entfacht werden könnte. Sie legten aber auch den Grundstein für eine erfolgreiche und funktionierende Demokratie. Die auferlegte föderale Ordnung erwies sich ebenso als Glücksfall, wie das marktwirtschaftliche und sozialstaatliche Prinzip.

Mit großer Dankbarkeit dürfen wir uns deshalb heute als vereinte Nation in einer europäischen Gemeinschaft zu den friedlichsten, freiheitlichsten und erfolgreichsten Völkern der Welt zählen.

Gerade dies verpflichtet uns mehr als andere dies nicht als Selbstverständlichkeit anzusehen oder gleichgültig hinzunehmen, sondern für Demokratie, Freiheit und die Wahrung der Menschenrechte einzustehen. Im eigenen Land und überall dort, wo diese Rechte den Menschen nach wie vor verweigert werden.

Der 8. Mai ist deshalb ein Tag des Erinnerns und des Gedenkens an die Opfer, ein Tag der Verpflichtung für Frieden, Freiheit und Wahrung der Menschrechte mutig einzutreten und der 8. Mai ist auch ein herausragendes Beispiel für die Hoffnung, dass überall dort wo Menschen noch heute unter Diktatur, Verfolgung, Vertreibung und Krieg leiden, dieses Leid überwunden und eine bessere und vor allen Dingen friedlichere Welt erwachsen kann.

Die Bedeutung des 8. Mai 1945 hat viele Facetten.
Nach meinem Verständnis gibt er eine Grundbotschaft, die für uns alle gelten kann, heute und in Zukunft. Der 8. Mai verlangt eine Haltung, die unser Tun bestimmen sollte: Es geht um Respekt, Toleranz und Zivilcourage, nicht nur am 8. Mai, sondern jeden Tag und immer wieder auf’s Neue.

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