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27. Januar 2015 in Kassel

Rede des Hessischen Ministerpräsidenten Volker Bouffier anlässlich der Gedenkveranstaltung für die Opfer des Nationalsozialismus

27.01.2015Hessische Staatskanzlei

Sehr geehrter Herr Brückmann, sehr geehrter Herr Landtagspräsident Norbert Kartmann, Herr Präsident des Staatsgerichtshofes Herr Dr. Paul, liebe Kolleginnen und Kollegen im Parlament, der Landesregierung, verehrte Ehrengäste, meine sehr verehrten Damen und Herren,

bei dem Vormarsch der Roten Armee nach Westen, heute genau vor 70 Jahren, sind sie auf das Lager Auschwitz gestoßen und haben die letzten dort Verbliebenen befreit. Was ihnen dort begegnete ist vielfach beschrieben worden, und trotzdem kann man es eigentlich kaum fassen. Auschwitz steht für einen millionenfachen Mord, für ein Inferno apokalyptischen Ausmaßes und für das dunkelste Kapitel unserer Geschichte. Die Nationalsozialisten haben in ihrem Herrschaftsbereich überall Lager eingerichtet, Massenerschießungen vollzogen, Menschen umgebracht, aber Auschwitz steht für etwas Besonderes, in ganz besonderer Weise. Ausschwitz steht, wie die anderen auch, für einen staatlich geplanten, industriell vollzogenen Völkermord ohne Beispiel. Juden, Sinti, Roma, behinderte Menschen, Homosexuelle, Regimegegner, engagierte Christen, Sozialdemokraten, Kommunisten – viele Menschen wurden Opfer dieses Grauens. Bundespräsident Roman Herzog hat 1996 entschieden, dass wir gemeinsam dies nicht vergessen, dass wir erinnern und dass wir gedenken. Er hat entschieden, einen Gedenktag in Deutschland einzurichten, und er hat diesen Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz als Tag festgesetzt, an dem wir gedenken. 2005 hat die UNO dies übernommen. So wurde aus einem nationalen Gedenktag ein weltweiter Gedenktag. Und Sie, lieber Herr Landesdirektor, haben darauf hingewiesen – ja, auch 70 Jahre danach sind wir aufgerufen zu gedenken. Was heißt das?

Allein schon der Respekt vor den Opfern und ihren Angehörigen verlangt, dass wir nicht vergessen, dass wir uns erinnern und dass wir gedenken. Dieser Respekt verlangt auch, dass wir gegenüber den Opfern etwas, was wir in Wirklichkeit nicht können, trotzdem versuchen, nämlich ihnen ein Stück ihrer Würde zurückzugeben. Wir erinnern also an die Opfer. Ich möchte auch erinnern an diejenigen, die dieses Grauen überlebt haben, auch sie sind Opfer. Es gibt nur noch wenige der Erlebnisgeneration, aber es gibt diese Menschen. Es gibt diese Menschen, die überlebt haben, die Jahrzehnte lang selbst mit ihren engsten Angehörigen nicht darüber sprechen konnten, was sie erlebt haben. Jene, die ihre Traumata teilweise ein ganzes Leben nicht überwinden. Und ich möchte gedenken derjenigen, ihren Großeltern, ihren Eltern, deren Familienangehörige Opfer dieses Völkermordes geworden sind und deren eigene Identität untrennbar mit diesem Mord verbunden ist.

Meine Damen und Herren, niemand kann aus der Geschichte seines Volkes austreten. Es gibt auch kein Ende der Geschichte, und deshalb kann es auch kein Ende des Erinnerns geben. Und wenn es kein Ende des Erinnerns gibt, dann wollen wir daran uns messen lassen, wie wir uns erinnern, auch wie wir gedenken. Es darf nicht zum bloßen Ritual werden, sondern es muss uns wachrütteln, so, dass dieses Erinnern schmerzlich ist. Wir fassen es im Sinne des Wortes wahrster Bedeutung nicht. Und dieses Erinnern meint, wie Roman Herzog in seinem Gründungserlass geschrieben hat: Wir müssen eine Form des Erinnerns finden, das gedenkt denen, die umgekommen sind, das aber auch wirkt in die Zukunft. Beides sozusagen gehört dazu. Und das bewahrt uns vor hohler Ritualität und gibt uns, aus meiner Sicht, die Orientierung, worum es uns eigentlich gehen muss. Deshalb, meine Damen und Herren, ja, auch heute, 70 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz und 75 Jahre nach dem ersten Transport der sogenannten Euthanasie, sind wir nicht nur verpflichtet, uns damit auseinanderzusetzen, sondern es muss auch darum gehen, dass wir daraus lernen. Dass wir diese Vergangenheit nicht vergessen, dass wir sie nicht verdrängen, nach dem Motto „Es ist alles schon so lange her“, „Was habe ich damit zu tun?“, dass wir uns dem stellen, dass wir ringen. Und wenn wir uns selbst ein wenig kritisch betrachten: Wir haben uns schwer getan in der alten Bundesrepublik, uns dem zu stellen. Die DDR hat sich diesem Thema nicht gestellt, das erklärt auch manches dieser Tage.

Wenn wir hier in Hessen diese Gedenkstunde miteinander veranstalten, dann will ich erinnern, dass in Hessen ein wesentlicher Beitrag dazu geleistet wurde, dass wir uns dem gestellt haben, und ich meine den ehemaligen hessischen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, der gegen massivste Widerstände durchgesetzt hat, dass die Täter vor Gericht kamen. Das waren die sogenannten Auschwitz-Prozesse. 20 Jahre hat es gedauert, man kann manches erklären – nach dem Krieg, irgendwie wieder nach vorne zu kommen, aufzubauen – es hat gedauert, bis wir uns dem gestellt haben. Und die Auschwitz-Prozesse waren aus meiner Sicht nicht nur eine Katharsis in mancherlei Hinsicht, sie waren ein großer Einschnitt. Die Urteile, die damals gefällt wurden, waren ganz sicherlich für viele Opfer enttäuschend. Und es ist sehr schwer, mit den Mitteln des Rechtsstaats einem Gerechtigkeitsempfinden zu entsprechen. Und trotzdem hat es viel bewegt. Jetzt wurde darüber berichtet. Jetzt wurde darüber gesprochen, über das, was geschah. Über das Morden, über die Opfer. Und jetzt geschah etwas, was bis dahin eher verdrängt wurde. Der Nationalsozialismus und seine Verbrechen waren plötzlich nicht Vergangenheit, irgendwie abgeschlossen unter anderem Übel, mit dem niemand etwas zu tun hat; nunmehr bekamen die Opfer und die Täter Gesichter. Und mit diesem Einschnitt haben wir hier in Hessen Geschichte geschrieben. Mit einem Mann, selbst Jude, häufig angefeindet, der mit dem Abstand der Jahre, so hoffe ich, heute ein Bild in unserer Geschichte hat, auf das wir als Hessen stolz sein können. Und genau das meine ich, wenn ich davon spreche: Erinnern, das in die Zukunft reicht.

Meine Damen und Herren, wenn wir darüber sprechen, was war es eigentlich, warum Menschen Menschen Leid zufügen in so unvorstellbarer Weise? Wie kann es eigentlich sein, dass Menschen sich zu Richtern über Leben und Tod aufführen, dass sie von unwertem Leben sprechen und Untermenschentum und nicht nur davon sprechen, sondern auch danach handeln? Und es schmerzt, und es brennt, und es lässt manche Frage unbefriedigt beantwortet. Das, was da geschah, war im Kern, dass die Nationalsozialisten den Menschen ihre Würde genommen haben. Ausgrenzung, Diffamierung und später Liquidierung, das gab es nicht nur hier, das gab es auch andernorts, aber das relativiert nichts. Und es war nicht heimlich, das war vor den Augen aller. Auch diese getarnten Transportwagen waren ja im Grunde genommen nur eine Camouflage. Die Diskriminierung und die Ausgrenzung geschah vor den Augen aller. Und nur wenige hatten den Mut, sich mit den Opfern zu solidarisieren, ja, sogar dagegen zu stellen. Vielen war es gleichgültig, mancher hatte nicht den Mut - was ich nicht schelte - und nicht selten gärte der Hass. Das ist die Melange, die zu dem geführt hat, wessen wir heute gedenken. Und das ist und bleibt unsere Verpflichtung: uns zu erinnern, aus der Vergangenheit lernen und alles zu tun, dass solches nicht wieder geschehen kann. Dafür ist viel Anlass gegeben, rund um die Welt, aber auch bei uns, immer und überall für die Menschenwürde einzutreten. Nicht umsonst haben die Mütter und Väter des Grundgesetzes den Artikel 1 des Grundgesetzes geschrieben: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Sie ist nicht relativierbar. Und immer und überall für die Menschenwürde einzutreten, das ist die Botschaft, die diesen Gedenktag auch prägt, neben dem Erinnern an die Opfer. Und es macht mich wütend, nicht nur traurig, wie im Sommer des vergangenen Jahres, während des Krieges im Gaza-Streifen, in unserem Land junge Migranten rufen „Juden ins Gas!“. Es macht mich betroffen und es macht mich wütend, wenn ich bei aller Differenzierung und bei allem Anerkennen, Menschen auf die Straße gehen und ihre Überzeugungen dartun, dass da auch Leute sind, die hetzen, die gegen Flüchtlinge hetzen und diskriminieren. In unserem Land darf es keinen Platz geben für Diskriminierung und für Ausgrenzung. Und auch das gehört zum Erinnern, das in die Zukunft reicht.

Und deshalb, meine Damen und Herren, dieser Tag verpflichtet uns. Er verpflichtet uns in unterschiedlicher Weise. Es sind Menschen hier, die wir besonders begrüßen, die das selbst erlebt haben, deren Familien umgekommen sind. Gerade weil die Überlebensgeneration immer weniger wird, müssen wir immer mehr tun, um nicht nur Zeugnis zu geben, sondern auch in die Zukunft zu wirken. Meine Damen und Herren, an dem ehemaligen Zentralgebäude der IG Farben in Frankfurt steht ein Schild mit einem Zitat von Jean Améry, eines Überlebenden des Holocaust. Dort steht zu lesen: „Niemand kann aus der Geschichte seines Volkers austreten. Man soll und darf die Vergangenheit nicht auf sich beruhen lassen, weil sie sonst auferstehen und zu neuer Gegenwart werden könnte.“

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